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Mario Klinger

lebt und arbeitet in München



Ausstellung 2010 SATORI ROOM


Satori Room[1] bezeichnet einen (undefinierten) Raum der Erkenntnismöglichkeit. Dieser kann als Buch, als Ausstellungsinstallation und in unseren Köpfen existieren und umschreibt das wechselseitige Verhältnis zwischen der inneren Welt der vertrauten kognitiven Wahrnehmung (des Figurativen) sowie der äußeren Welt des unbekannten materiellen Seins (des Abstrakten). Dazwischen liegt ein scheinbar unüberwindbarer Graben, den wir uns maßgeblich mittels Licht in visuellen „Metaphern“ erschließen können.[2] Der Mensch ist ein Hochleistungsscanner, der stets bestrebt ist die wahrgenommenen Reize in eine für ihn verständliche Sphäre zu übersetzen. Text, Bild und Sprache bilden dabei als komplexes und interdependentes Zeichensystem den deskriptiven Rahmen.


Die Ausstellungskonzeption von Satori Room geht maßgeblich auf die Entstehungsgeschichte des gleichnamigen Künstlerbuchs (2009) ein. Dieses umfasst die drei Aphorismen Unendliches Morgengrauen, Sein und Die erhabene Pforte, die einerseits den Inhaltsraum umschreiben als auch namensgebend für die einzelnen Werke der fotografischen Serie (2007-2009) sind. In ihrer Gesamtheit entlarven sie unsere Lebenswelt als einen von Konventionen eng begrenzten Raum und öffnen ihn durch die Transformation und Koexistenz mit seinem abstrakten Eigenleben – terra incognita. Diese Intention lässt sich bereits in Werken aufzeigen, welche zeitlich vor der Publikation Satori Room entstanden (2006-2007), und diese in ihrer Entstehung als Prototypen formal wie inhaltlich vorbereiteten.


Satori Room (2007-2009)



Unendliches Morgengrauen I-III sind unbelebte 'sublime' Landschaften, Zeugnisse eines nebulösen Schleiers, der uns die Sicht auf die unendlichen Ausmaße der Natur als univerale Größe verstellt und stehen damit in einer Traditionslinie mit den Landschaften Caspar David Friedrichs. Sie verbindet die Weite und Erhabenheit, wenngleich sie nicht der romantisierenden Verklärung einer idealisierten Vorstellung von Natur unterliegen, sondern durch direkte physische Wechselwirkung mit ihr entstanden.




Die Werke Sein I-III gehen auf fotografische Aufnahmen der Sonne zurück. Ihr äußeres Erscheinungsbild wurde durch unterschiedliche optische Medien (Luft, Wasser, Linsen etc.) verfremdet, um die mimetischen Konventionen der Kamera zu überwinden und zu einem neuen 'Wahrnehmungsapparat' zu gelangen. Die dadurch auftauchende Vielzahl an existierenden Realitäten übersteigt unsere Vorstellungskraft bei Weitem. Wer sie ignoriert, verschließt seine Augen vor der wahren Tiefe der Natur und folgt blind dem Kult des technischen Raffinenemt. Barnett Newman schrieb bereits in seinem paradigmatischen Aufsatz The Sublime Now (1948): We are creating images whose reality is self-evident and which are devoid of the props and crutches that evoke associations with outmoded images, both sublime and beatiful.[3] Die 'Selbst-Evidenz' oder das Eigenleben, welches Barnett Newman hier forderte und in seinen völlig abstrakten Zip-paintings zusprach, gilt auch in gewisser Weise für die Werke Being I-III. Schönheit und das Sublime gelten als einzige Parameter für eine Kunstproduktion, die sich nicht mehr dem antiken Formenfetisch und dessen mimetischer Trends zu unterwerfen hat, sondern aus sich selbst existieren und damit keiner allgemeingültigen Formen- und Zeichensprache mehr bedürfen. Es entstehen abstrakte Allegorien der Vielfalt an Möglichkeiten und Komplexität von Leben. Wahrnehmung und Erkenntnis in der reinsten Form.



Der Einbruch der abstrakten rechteckigen Form in die unbelebten gegenständlichen Landschaften von Die erhabene Pforte I-XIII ist in seiner Monumentalität und Linearität der radikale Gegenentwurf zur belebten Natur der Umgebung, wie sie uns vertraut ist. Aber gerade in diesem maximalen Kontrast eröffnet sich ein Ereignishorizont, der den Blick auf das Unbekannte unseres Daseins innerhalb der Natur richtet und weitaus größer und mächtiger ist als alles Vertraute. Wir stehen an der Schwelle dieser Pforte – durchqueren kann sie jeder nur alleine. Es beginnt eine Reise an die Grenzen unserer Vorstellung von den sein-konstituierenden Entitäten UNSERER abstrakten Existenz. Keine Fiktion. Kein Traum oder Trip. Sondern die fundamentalste Frage nach dem: Was ist?


Cognition I
(2006) & Cognition II (2009)




Die Welt betrachtet sich fortan mit eignen Augen –

Ist für einen kurzen Moment in all ihrer abgründigen Tiefe

Erahnbar geworden[4]

Die lebensgroßen abstrakten Werke Cognition I & II sind die transformierten Produkte einer umfangreichen Serie (>4.000 Aufnahmen) von Sonnenfotografien. Sie zeigt die Sonne als verfremdetes schwarzes Loch, dessen Konturen sich im unscharfen blauen bzw. roten Umraum aufzulösen scheinen. Das Bild mutiert formal und inhaltlich zum Negativ des Dargestellten. Licht und Finsternis können die absoluten metaphysischen Gegenmächte repräsentieren, die sich ausschließen und doch das Weltgefüge zustande bringen – Gewissheit, Form und Räumlichkeit transformiert sich in einen alles verschlingenden schwarzen Abgrund ohne Kontur – dem schwarzen Nichts. Dort angelangt stößt der Betrachter auf sein Spiegelbild, tritt in physische Interaktion mit dem abstrakten Quell seines unbekannten Ursprungs.

Cognition I & II sind ein Tor zu der tatsächlich existierenden Welt, die jenseits der Metaphern liegt, derer wir uns bedienen, die unsere rein 'kognitiv' konstruierte Lebenswelt definieren. An der Grenze des Erkenntnishorizonts, der psychischen Belastbarkeit und des materiellen Scheins – einer Art kosmischen Zensors.


Signs of Evidence (2007)



Aus Metaphern ist die Welt erbaut.

Das Auge speist den Fluss

Der kognitiven Elektronenströme

Aus Bildern, Illusionen und Träumen[5]

Die eindeutige Erklärbarkeit unserer Welt ist an enge Konventionen gebunden. Schnell gerät unsere Deutungshoheit an ihren Erkenntnishorizont, wenn wir mit fehlenden Informationen konfrontiert werden. Doch schnell bilden wir Assoziationsketten, die zu völlig neuen Ergebnissen führen und gleichzeitig Fragmente der Realität enthalten können. In unseren Träumen wird dies am deutlichsten, wenn sich Versatzstücke aus unserem Leben in neue Zusammenhänge transformieren. So auch bei Signs of Evidence – das Werk scheint auf den ersten Blick ein abstraktes Zeichensystem vorzugeben, das einer seltsam vertrauten Ordnung unterliegt. Ebenso die Struktur der einzelnen Zeichen. Bei längerer Betrachtung tritt schließlich aus dem Schwarz des Hintergrunds das virtuelle Abbild eines Pfaus vor unsere Augen.


Serie Metaphysical Interactions (2006-2007)



Und es folgen Konventionen

In Form von Zeichen, Sprache und Moral.

Doch das vermeintliche Glück

Der trügerischen Erkenntnis

Weicht einer trüben und unbequemen

Vorahnung von dem was ist.

Den verheißungsvollen Ideen eines lokalen Realismus

Oder universalen Determinismus

Hat die Natur mit ihrem letztlich abstrakten Wesen

Den Gar aus gemacht.[6]

Die vier fotografischen Arbeiten (Elektromagnetismus, Starke Wechselwirkung, Schwache Wechselwirkung, Gravitation) ergeben zusammen die Serie Metaphysical Interactions (2006-2007). Es gilt heute als das größte Bestreben der theoretischen Physik ein neues Weltbild zu formulieren, dessen Aussagen einer kopernikanischen Wende gleichkommen werden. Das erklärte Ziel ist es die vier elementaren Grundkräfte in einer allumfassenden Theorie zusammenzufassen, die auch gelegentlich als die „Weltformel“ bezeichnet wird, da man sich von ihr erhofft, theoretisch alle energetischen Abläufe in unserem Universum beschreiben zu können. Die Serie Metaphysical Interactions ist nicht der zwangsläufig zum Scheitern verurteilte Versuch die Grundkräfte mimetisch sichtbar zu machen, als sie vielmehr als Quell der Inspiration für ein neuartiges ästhetisches Kompartiment zu nutzen, dessen universeller abstrakter Klang in einem sublimen Verhältnis zu seinem Signifikat stehen könnte. Gleiches gilt auch für die Zeichensprache der Mathematik innerhalb der Physik. Doch überwindet diese als referentielles Zeichensystem die Sprachlosigkeit und macht Natur in vereinfachten Grenzbereichen exakt reproduzierbar. Die Bilder der Serie Metaphysical Interactions geben uns dagegen die Möglichkeit eine emotionale Vorstellung von der Komplexität und Mystik der alles beherrschenden innersten Vorgänge der Natur zu bekommen. An Orten an denen der alltägliche Verstand versagt und sich die scharfen Konturen der Realität in Wahrscheinlichkeitsaussagen auflösen. Unser elementarer Ursprung, der sich vor unseren Augen wohl für immer in Dunkelheit hüllen wird.


Higher State of Death (2007)



Higher State of Death entstammt der Serie der Textbilder (2006-2009), die Aphorismen von Philosphen wie Novalis oder Nietzsche mit Fotografien zu einem neuen Bildsystem verschränken. Hinter dieser Vorgehensweise steht die Analyse was 'Text' eigentlich ist: Geschriebene Worte oder Text werden grundsätzlich als Bilder wahrgenommen. Lesen beginnt demnach mit dem Sehen eines Bildes und nicht eines Wortes. Das physiologische Wunder des Auges, das Fenster zur Welt, ist im Prinzip ein Hochleistungsscanner, der in Sekundenbruchteilen aus dem undechiffrierbaren Chaos der Photonen relle Abbilder auf die dahinter liegende Retina wirft, wo Lichtenergie in elektrische Potentiale umgewandelt und als Bild an das Gehirn weitergeleitet wird. Text und Bild sind in diesem Stadium eins. In einem zweiten bis heute nicht verstandenen Schritt wird das Bild von dem wohl komplexesten Gebilde im Universum – dem Gehirn – in die Allgemeinsprache der bedeutungtragenden Symbole dekodiert. Die Information „Text“ entsteht erst im Gehirn, als Folge von 'extrem komplexen' neuronalen Vorgängen, wie der amerikanische Neurobiologe und Nobelpreisträger David H. Hubel konstatierte: Wir sind weit davon entfernt, die Wahrnehmung von Objekten, selbst von so einfachen wie Kreisen, Dreiecken oder dem Buchstaben A, zu verstehen - ja, wir vermögen nicht einmal plausible Hypothesen darüber aufzustellen.[7]



[1]   Der Begriff "Satori" steht im japanischen Zen-Buddhismus für das Erlebnis der Erleuchtung.

[2]   Vgl. Hans Blumenberg, "Licht als Metapher der Wahrheit - Im Vorfeld der philosophischen Begriffsbildung" (1957), in: Ästhetische und metaphorologische Schriften, Frankfurt/Main 2006.

[3]   Barnett Newman, "The Sublime is Now", in: Tiger´s Eye, 15. Dezember 1948, S.53.

[4]   Mario Klinger, "Satori Room", München 2009, zweite Strophe des ersten Aphorismus Unendliches Morgengrauen.

[5]   Mario Klinger, "Satori Room", München 2009, erste Strophe des zweiten Aphorismus Sein.

[6]   Mario Klinger, "Satori Room", München 2009, zweite Strophe des zweiten Aphorismus Sein.

[7]   David Hubel, "Auge und Gehirn: Neurobiologie des Sehens", Heidelberg 1995, S. 228.





Ausstellung 2007 METAPHERN, ALLEGORIEN, APHORISMEN UND SYMBOLE

Mario Klinger





METAPHERN, ALLEGORIEN, APHORISMEN UND SYMBOLE  

UNSERE LEBENSWELT IM 21. JAHRHUNDERT

Der Mensch hat sich in den vergangenen Jahrtausenden die Welt durch technologische Hilfsmittel und deren ideologischen
Gebrauch sprichwörtlich 'zum Untertan' gemacht.

Die Werkauswahl in dieser Ausstellung trägt diesem Umstand Rechnung, indem sie ikonische Bilder kritisch aus einem
menschlichen Blickwinkel hinterfragt. Die motivische Bandbreite spannt einen weiten Bogen, der sich hinter trügerisch
ästhetischen Konzepten offenbart. Eine mögliche Sinnstiftung generiert sich erst aus einem zweiten kognitiven Schritt
und steht in Kontrast mit der vordergründigen bildlichen Erscheinung.

Die umfangreiche Serie der Textbilder lässt das über 200 Jahre alte Weltbild Novalis mit der Gegenwart in eine sich selbst
verstärkende Interferenz treten. Der Widerhall seiner unheimlich prophetischen Aphorismen - in Kontrast zu den
metaphorischen Bildsystemen - lässt in uns eine sensible Vorahnung  aufkeimen, die uns schließlich aus unseren
konditionierten Kommunikationssystemen des Alltags entreißen und zutiefst erschüttern vermögen.

Die verwendeten Aphorismen bilden die sprachliche Sphäre der menschlichen Selbstreflektion und kreisen um existentielle
Fragen des Seins in unterschiedlichen Konfigurationen: das Phänomen 'Zeit', das sich bisher naturwissenschaftlichen
Erklärungen entzieht („Infinite Present“; „Verwitterung der Fossilien“), der unüberwindbare Graben zwischen res extensa
(äußerer Welt) und res cogitans (Bewusstsein) bedingt durch unser Wahrnehmungskorsett („Stoff, Form, Sein Schein“),
Prinzipien der menschlichen Natur und den daraus resultierenden gesellschaftlichen Konventionen („Naturanarchie“;
„Zirkel von Gewohnheiten“; „Club“; „Gottheit, die uns oft erschrickt“).

Geschriebene Worte oder Text werden grundsätzlich als Bilder wahrgenommen. Lesen beginnt demnach mit dem Sehen
eines Bildes und nicht eines Wortes. Das physiologische Wunder des Auges, das Fenster zur Welt, ist im Prinzip ein
Hochleistungsscanner, der in Sekundenbruchteilen aus dem undechiffrierbaren Chaos der Photonen relle Abbilder auf
die dahinter liegende Retina wirft, wo Lichtenergie in elektrische Potentiale umgewandelt und als Bild an das Gehirn
weitergeleitet wird. Text und Bild sind in diesem Stadium eins.

In einem zweiten bis heute nicht verstandenen Schritt wird das Bild von dem wohl  komplexesten Gebilde im Universum
- dem Gehirn – in die Allgemeinsprache der bedeutungtragenden Symbole dekodiert. Die Information „Text“ entsteht
erst im Gehirn, als Folge von 'extrem komplexen' neuronalen Vorgängen, wie der amerikanische Neurobiologe und
Nobelpreisträger David H. Hubel konstatierte: „Wir sind weit davon entfernt, die Wahrnehmung von Objekten, selbst von
so einfachen wie Kreisen, Dreiecken oder dem Buchstaben A, zu verstehen - ja, wir vermögen nicht einmal plausible Hypothesen
darüber aufzustellen." 1

Bild und Text werden als scheinbar unabhängige Informationssysteme aufgrund konditionierter Erinnerungen, jenen
Rezeptionskonventionen, voneinander geschieden. Eine zentrale Struktur der Gedächtnisbildung ist der Hippocampus, in dem
sich Zellen zu neuronalen Neuronenpopulationen zusammenschließen und auf spezifische Aspekte eines Reizes ansprechen.
Aktuelle Forschungsergebnisse gehen sogar von einem 'Gedächtniscode' aus, der sich in eine binäre Zahlenfolge übersetzen
lässt.2  Das Medium des heute hochkomplexen Druckverfahrens, des Lambda-Prints, generiert seine physische Realität
ebenfalls aus einem binären Code intellektuellen Ursprungs, der den „Laserausbelichtungskopf“ steuert; dieser binäre Code
materialisiert durch die Kontinguität von Licht und Materie, ohne die schöpferisch eingreifende Hand, Ideen menschlicher
Lebenswelten.

Sind sie [die Worte] vielleicht Erzeugnisse der Erkenntnis des Wahrheitssinnes und decken sich die Bezeichnungen und die Dinge?
Ist die Sprache der adäquate Ausdruck aller Realitäten? [...] Dieser Friedensschluss [sic.!] bringt etwas mit sich, was wie der erste
Schritt zur Erlangung jenes rätselhaften Wahrheitstriebes aussieht.

Jetzt wird nämlich das fixiert, was von nun an »Wahrheit« sein soll, das heißt, es wird eine gleichmäßig gültige und verbindliche
Bezeichnung der Dinge erfunden, und die Gesetzgebung der Sprache gibt auch die ersten Gesetze der Wahrheit: denn es entsteht
hier zum ersten Male der Kontrast von Wahrheit und Lüge.2

Was also ist demnach Wahrheit im erkenntnistheoretischen Sinn? Es sind des Menschens Illusionen aus sprachlichen Relationen,
die aus willkürlich geschaffenen Metaphern, Allegorien, Aphorismen und Symbolen gebildet werden, um die Welt zu umschreiben.
Kritisch ist vor allen Dingen hier anzumerken, dass Sprache und Zeichen durch einen verbindlichen Gebrauch und traditionelle
Überlieferung innerhalb einer Gesellschaft einen Status erreicht haben, der nicht mehr hinterfragt wird. Die Welt hat offenbar den
menschlichen Ursprung ihrer Realität vergessen.

Photonen und Schallwellen bilden die Informationsspeicher, über die unsere Kommunikation stattfindet. Sie werden nach einer
Kodierung in Sinnesreize in Bruchteilen einer Sekunde durch einen kognitiven Prozeß ihrem individuellen Muster entsprechend in
die uns vertraute „objektiven Welt“ von Lauten, Textsymbolen, Farben, Formen und Perspektive übersetzt, - wie uns die
neuesten Erkenntnisse in der kognitiven Neurowissenschaft deutlich gemacht hat. Die mit der Subjektphilosophie des
19. Jahrhunderts begonnene Verlagerung der Erkenntnis in das Subjekt wird dadurch nicht nur naturwissenschaftlich bestätigt,
sondern fundamental erweitert. Die Welt wird nicht nur als abgeleitete Konstruktion des Bewusstseins erkannt, sie scheint
ihren evidenten Ursprung darin zu finden.

Diese Ausstellung findet ihren Klimax in den mit Text verwobenen und verfremdeten digitalen Fotografien, indem sie eine
komplexe visuelle Sphäre generieren. Die Fotografie kann hier im Gegensatz zur Malerei das visuelle Urbild imitieren, das
unserem Bewusstsein vorgelagert ist, und gleichzeitig in einen binären Code übersetzen, der wiederum auf ein gezieltes
Gesamtergebnis hin am Computer austariert werden kann (siehe Abbildung).

Die Relativierung der Quelle, eigene Fotografien oder Vorlagen aus anderen Medien, vergegenwärtigt uns die Gleichschaltung
von Raum und Zeit durch die virtuelle Verfügbarkeit von Bildern.  Der Fokus ist dabei auf die Vergegenwärtigung des Urbildes
als vorindexikalischer Rohstoff der Erkenntnis gerichtet, der unsere Seinssphäre anhand seiner sublimen Erscheinungen
transzendiert. Zum anderen findet durch die changierende Überlagerung des abstrakten Zeichensystems der Schrift mit den
ikonischen Bildern ein kognitiver Übergang zwischen beiden Sphären außerhalb des Gehirns auf dem Kunstwerk selbst statt,
der semantische und syntaktische Elemente miteinander zu einer Ikone des modernen Weltbildes am Beginn des 21. Jahrhunderts
verschmelzen lässt.

Bereits Paul Klee, vor allem in seinem späten malerischen Werk nach 1933, hatte durch ein komplexes System aus Zeichen und
Symbolen den Prozeß von Empfindung und Wahrnehmung visuell durchdrungen. Der Vorteil der Fotografie gegenüber der Malerei
liegt in diesem Fall jedoch darin, dass der digitale bildgebende Prozeß  im Prinzip als Analogon zur visuellen Wahrnehmung des
Menschen aufgefasst und gleichzeitig jegliche Manipulation durch ihn erlaubt.

Text und Bild in den Werken dieser Ausstellung müssen – zum ersten Mal in der Geschichte der Fotografie und der bildenden
Kunst – explizit als Entitäten von menschlicher Realitätsbildung verstanden werden, die durch einen erkenntnistheoretischen
Prozeß erst als Interferenzmuster erkennbar werden. Fotografie ist nicht länger das Objekt reiner Anschauung, sondern überbrückt
fortan den Graben zwischen der äußeren Welt des Welle-Teilchen-Dualismus und der inneren Welt der Erkenntnis.


* * *

Die vordergründig harmlose Ästhetik der Blütenbilder steht in subversivem Zusammenhang mit ihrer Künstlichkeit. Die monotone
Aufreihung und Verwendung einer einzigen Blume als Vorlage in jedem Werk kann mit den ethisch fragwürdigen Methoden der
Gentechnik zur Erzeugung eines Idealtypus verglichen werden. Wenngleich hohe moralische Ansprüche mit der Debatte über die
Möglichkeiten der Gentechnik beim Menschen einhergehen, so wütet sie bereits in vollem Umfang in der zur wirtschaftlichen
Ausbeutung verdammten Pflanzen- und Tierwelt. Ihre monotone Schönheit ist nur der Schein einer kalten neuen Welt, die herrisch
über Tod und Leben entscheidet.

Der Mensch (als sichtbares Objekt) fehlt in allen Werken und tritt nur als platonisches Schattenwesen („Plato“) in Erscheinung,
das sich weder der Schöpfung noch seiner selbst bewusst ist. Seine Wahrnehmung unterliegt engen physiologischen Parametern,
die mit den Erkenntnissen eines veralteten Weltbildes der newtonschen Mechanik beschrieben werden kann und dann lediglich
eine deterministische Logizität hervorbringt, welche den fundamentalen naturwissenschaftlichen Erkenntnissen des 20. Jahrhunderts
in akzentuierter Form von Quantenphysik, Relativitätstheorie und Unschärferelation nur mehr über sein Bewusstsein folgen kann.

Die Werke der Ausstellung sind in einer aphoristisch-metaphorischen Bildsprache entworfen, welche das menschliche Wesen in
seinem 'modernen' Handeln kritisch hinterfragt - zur Gentechnik –  Umweltbewusstsein - Subatomares Zeitalter – Kriege und
Krieger – Glaubenslehren.  Kurz: Kritik an der Lebenswelt des MENSCHEN, der als selbst ernannter Mittelpunkt der Welt, sein auf
eigenen Konventionen gestütztes Weltbild in Unkenntnis mit asymmetrischen Mitteln gegenüber der Natur verteidigt. Vernunft
wäre indes in ihrer ultimativen Konsequenz den unüberwindbaren Graben zwischen äußerer und innerer Natur kontemplativ zu
akzeptieren, indem er in einem allein metaphorischen Prozess durch das Licht in letzter Evidenz an Wahrheiten sich annähern kann.

Anhand von ausführlichen Gesprächen zwischen Künstler und Wissenschaftler

2007 aufgezeichnet und formuliert von Prof. Dr. Rainer Crone
Universitätsprofessor für Kunstgeschichte der Theorie der Moderne und Gegenwartskunst, Ludwig-Maximilians-Universität München



1   David Hubel, Auge und Gehirn : Neurobiologie des Sehens. Heidelberg 1995, S. 228

2   Joe Z. Tsien, Der Gedächtniskode, in: Spektrum der Wissenschaft (deutsche Ausgabe von American Scientific), 10/2007, S. 47-53

3   Friedrich Nietzsche, Über Wahrheit und Lüge im außermoralischen Sinn, Frankfurt a.M./Leipzig, 2000 (EA 1872), S. 7ff



Vita


1978               geboren in Nürnberg, born in Nürnberg, Germany

2000-2005      Hochschulstudium in Kunstgeschichte, Physik und Romanische

                        Rechtsgeschichte an der Ludwig-Maximilians-Universität München

                        Study of Art History, Physics and Roman Lawhistory at the Ludwig-Maximilians University Munich

2005                Magister in Kunstgeschichte mit einer Arbeit über „Den Einfluss der Physik in Picasso’s früher Kubismus-Konzeption“

                        Magister of Art with a thesis about „The influence of physics at Picasso’s early conception of cubism.

2008                Dissertation zum Dr. phil. der Kunstgeschichte über Photogramme von Adam Fuss

                        Doctor phil. in Art History with a thesis about Photograms of Adam Fuss



Einzelausstellungen / solo exhibitions


2010

SATORI ROOMS, mbf-kunstprojekte, München


2009

Harmonie und Verunsicherung, Kunstverein Uelzen mit Sonja Steidle

SATORI ROOMS, Buchpräsenation, mbf-kunstprojekte, München


2007

mbf-kunstprojekte, Freiburg



Gruppenausstellungen (Auswahl) / selected group exhibitions


2009

Switch On, Kunstpreis Licht, Kunstverein Gräfelfing

Energie, Kunsthaus Jesteburg

Kunst Halle, Große Kunstausstellung 2009 Halle (Saale)

Art and Physics, Kunstverein Meerane, May 13th - July 12th


2007

First Prize Award "Artist of the Year 2007", Sophist Group (GER)

Private Viewing – Ausgewählte Werke von 2005-2006, München

Antik & Kunstmesse Düsseldorf


2006

Kunsthandel Metz de Benito, München

Kunstmesse Köln

74. Kunst & Antiquitäten München, München

75. Kunst & Antiquitäten München, München

25th Line Art, Gent (BL)

Physikalisches Institut der Ludwig-Maximilians-Universität, München


2005

Kunstmesse Köln

73. Kunst & Antiquitäten München, München



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